Flottenwandel im Werkhof: Tiefbau Stadt Bern setzt zunehmend auf Elektromobilität
Die Fahrzeugbeschaffung im Werkhof einer grossen Stadt in der Schweiz ist ein komplexer und vor allem laufender Prozess. Tiefbau Stadt Bern bewirtschaftet rund 180 Fahrzeuge und setzt bei der Beschaffung neuer Fahrzeuge zu einem grossen Teil auf elektrischen Antrieb. Kommunaldienste.ch hat am aktuellen Standort von Tiefbau Stadt Bern beim Alten Forsthaus zusammen mit Andreas Appel, seit drei Jahren Projektleiter Flottenmanagement, einen Augenschein genommen.
Joseph Weibel
Der Standort von Tiefbau Stadt Bern an der Murtenstrasse ist mehr als nur ein Werkhof. Dort setzt das Alte Forsthaus als markanter Baukörper einen identitätsstiftenden Akzent auf dem weitläufigen Areal – ein Ort mit Geschichte.
Mit dem Umzug auf das Areal Neuhuus in Bern-Bethlehem hat der Werkhof von Tiefbau Stadt Bern nun einen neuen zentralen Standort bezogen. Gleichzeitig ist auch die Abteilung Betrieb+Unterhalt umgezogen. Diese wurde in fünf operative Einheiten – die sogenannten «Infra»-Bereiche – gegliedert. Infra Service erbringt zentrale Dienstleistungen für die Abteilung B+U und die Stadt Bern. Dazu gehören Fahrzeug-
und Materialbewirtschaftung, Transporte sowie Beschaffung und Reparaturen. Zudem betreut Infra Service den Standort Werkhof Neuhuus inklusive Kantine und Facility Management. Eine Organisation dieser Grösse bringt Herausforderungen mit sich. Rund 350 Mitarbeitende zählt Tiefbau Stadt Bern insgesamt, etwa 230 davon arbeiten in der Abteilung Betrieb+Unterhalt. Hier ist auch das Flottenmanagement angesiedelt – verantwortet von Andreas Appel. Seine Zuständigkeit umfasst rund 180 Fahrzeuge, die täglich im Einsatz stehen, um Strassen, Plätze und Brücken der Stadt instand zu halten. Der Infra Service betreibt auch eine eigene Reparaturwerkstatt für die Fahrzeugflotte.
Beim Besuch an der Murtenstrasse – inzwischen der frühere Standort – fallen vor allem die weissen Fahrzeuge für den Personentransport ins Auge: vom E-Bike über Dreiräder und Personenwagen bis hin zum Kleinbus. Die Fahrzeuge der Infra Reinigung sind auf sechs dezentrale Stützpunkte verteilt. «So sind wir flexibler und vor allem effizienter unterwegs», erklärt Appel. An dieser Struktur wird auch nach dem Umzug nach Bern-Bethlehem festgehalten – weil die Strassenreinigung effizienter funktionieren kann, wenn die Fahrzeuge direkt aus ihren Stadtteilen ausrücken.
Im Unterschied zu kleineren Gemeinden setzt Bern auf eine spezialisierte Fahrzeugflotte. Fahrzeuge werden nicht für verschiedene Einsätze umgebaut und so ausgerüstet, dass sie das ganze Jahr über genutzt werden können. Eine Ausnahme bildendie grossen Kehrmaschinen (5 Kubik), die ebenso für den Winterdienst umgebaut werden wie die Ladog oder kleine Kommunaltraktoren. Bei diesem mache der Umbau auch Sinn, so Appel.
Diese Erfahrung dürfte bei der künftigen Erneuerung der Flotte eine Rolle spielen. Denn klar ist: Viele Fahrzeuge haben ihr Alter erreicht. Schritt für Schritt soll die Flotte deshalb modernisiert werden – ein kontinuierlicher Prozess bei dieser Grössenordnung. Die Zielvorgabe ist ambitioniert: Die Stadtverwaltung verfolgt für die dienstliche Mobilität das Ziel Netto-Null 2041. Bis ins Jahr 2035 sollen demnach 100 Prozent der Personenwagen und 75 Prozent der Kommunal- und Nutzfahrzeuge erneuerbar angetrieben werden. sollen sämtliche kommunalen Fahrzeuge auf alternative Antriebe umgestellt sein. «Der Anteil der E-Mobilität liegt bei den Nutzfahrzeugen derzeit bei rund 30 Prozent. Ich bin zuversichtlich, dass wir das Ziel erreichen», so Appel. Andere Städte straffen die Zügel mehr – Basel etwa strebt dieses Ziel bereits bis 2030 an.
Die nüchterne Abschreibungslogik ist klar: Fahrzeuge bleiben im Schnitt zehn Jahre im Einsatz, Kehrmaschinen rund acht. Doch entscheidend ist nicht die Bilanz – sondern der Blick nach vorn. «Wir müssen die Budgets sieben bis acht Jahre im Voraus festlegen», sagt Appel. Eine Herausforderung, die mit der Elektrifizierung deutlich an Schärfe gewinnt. Denn was heute politischer Konsens ist, war vor wenigen Jahren noch Randthema. Entsprechend häufen sich Nachtragskredite, die bei Gemeinde- oder Stadtrat beantragt werden müssen.
Mit dem Wandel der Antriebe verschiebt sich auch der Engpass: weg vom Fahrzeug, hin zur Infrastruktur. Gerade an den dezentralen Standorten, wo viele Reinigungsfahrzeuge stationiert sind, fehlt es oft an ausreichender Ladeleistung. «Diese Infrastruktur müssen wir bei jeder Beschaffung mitdenken», betont Appel – und macht damit klar, dass es längst nicht mehr nur um Fahrzeuge geht, sondern um ein ganzes System.
Parallel dazu verfolgt das Flottenmanagement ein weiteres Ziel: weniger Fahrzeuge, dafür effizientere. Moderne Kommunalfahrzeuge leisten mehr – und entlasten so auch die Budgets. Der Weg zur Beschaffung ist dabei streng geregelt: Über die Plattform Simap werden Ausschreibungen im offenen Verfahren während 40 Tagen publiziert. Neben Preis, Technik und Garantien zählen auch Praxistests. Gerade grosse Fahrzeuge müssen sich bewähren – etwa im Einsatz an der Fasnacht oder am Zibelemärit, wo sie eine Woche lang unter realen Bedingungen getestet werden.
Am Ende entscheidet ein differenziertes Bewertungssystem. Wer die Muss-Kriterien erfüllt und bei den Kann-Kriterien – Appel spricht augenzwinkernd von der «Kür» – punktet, hat die besten Chancen. Der Preis bleibt wichtig, ist aber längst nicht mehr allein ausschlaggebend. Günstig ist ohnehin keines dieser Fahrzeuge: Elektrische Kehrmaschinen mit zwei Kubikmetern Volumen kosten zwischen 200 000 und 250 000 Franken, grössere Modelle fast doppelt so viel – und damit deutlich mehr als vergleichbare Dieselvarianten.
Der finale Entscheid liegt bei der Beschaffungskommission, vorbehaltlich der Kreditbewilligung durch das zuständige politische Gremium. Planbar ist vieles – nicht aber das Wetter. Und so bleibt die Frage, welche Rolle der Klimawandel spielt. Weniger Schneetage könnten den Bedarf verändern, doch Appel winkt ab: «Auch für seltenere Ereignisse müssen wir bereit sein.» Der Grundauftrag des Winterdienstes Tiefbau Stadt Bern (TSB) besteht im Erhalt der Betriebsbereitschaft und der Betriebssicherheit von Infrastrukturanlagen im öffentlichen Raum im Zeitraum von Mitte November bis Ende März. Dazu gehört insbesondere die Sicherstellung der Verkehrssicherheit für den Fussverkehr, den Veloverkehr sowie den öffentlichen Verkehr durch zeitn ahe Schneeräumung und die Bekämpfung von Winterglätte (Eis und Schnee).
Ein möglicher Ausweg: mehr Flexibilität statt mehr Besitz. Geräteträger für den Winterdienst könnten künftig vermehrt gemietet werden – ein Modell, das in Bern bereits erprobt wurde. Noch allerdings fehlt es vielen Anbietern an ausreichend grossen und kurzfristig verfügbaren Mietflotten.
www.bern.ch
